Texts

dandelion gray - Ralf F. Hartmann (German)

In einer umfangreichen Einzelausstellung stellt der Kunstverein Tiergarten vier neue großformatige Bildblöcke und ausgewählte Einzelarbeiten der gebürtigen Amerikanerin Sheila Barcik vor. Aus aquarellierten Zeichnungen zusammengefügt, generiert die – erst kürzlich durch ein Stipendium der Wurlitzer Foundation ausgezeichnete – Künstlerin mit diesen Blöcken komplexe Bildtexturen, die über die zentralen Koordinaten Landschaft und Figur definiert werden. Sie skizzieren sensible Standortbestimmungen des Subjekts in der sozialen Sphäre der Gegenwart. Themen wie Isolation und Gruppe, Distanz und Nähe, Geborgenheit und Schutzlosigkeit werden zu den entscheidenden Impulsen für ein in Einzelszenen, Fragmentierungen und großflächigen Narrationsebenen angelegtes Bildgeschehen. Beinahe signalhaft bestimmen wenige Grüntöne, Schwarz, obligates Blau und Weiß die gleichermaßen ruhevolle wie beunruhigende Konfrontation von Figuren und Raum, von Subjekt und Natur.

Immer weiter in die Abstraktion vordringend übernehmen symbolhaft gesetzte Körper, Flächen und Zeichen in diesen mental scapes die Funktion eines unerkennbaren, hermetischen Gegenübers. Solche Begegnungen zwischen Form und Figur, zwischen Landschaft und Wesen, sind von Sheila Barcik symbolisch angelegt, sie nehmen die Funktion exemplarischer Konstellationen ungleicher Kommunikationspartner in einer klassisch konnotierten Naturvorstellung ein. Die Frage des abstrakten Gegenübers wird dabei zu einer Untersuchung religiöser, politischer und kultureller Projektionen und Utopien innerhalb der menschlichen Konstruktion von Begriffen wie Landschaft und Natur. In den kleinen Zeichnungen immer wieder auf die Unmittelbarkeit solch ungleicher Begegnungen fokussierend, eröffnen diese – zu komplexen Blöcken zusammengefügt – weit über naturreligiöse Weltentwürfe hinausgehende Bildkontexte, die ebenso die kunsthistorischen Traditionen beispielsweise eines  Hieronymus Bosch oder Caspar David Friedrich reflektieren, wie sie zahlreiche Referenzen an die Malerei der Moderne herstellen. Sheila Barciks Arbeiten sind gleichermaßen durch weit reichende Reduktion und Abstraktion in der Zeichensprache charakterisiert, wie sie auf der anderen Seite eine geradezu rauschhafte Opulenz und Detailfreude entwickeln.

Die Ausstellung präsentiert die vier neuen Bildblöcke in einem räumlichen Display, das sowohl auf den Entstehungsprozess der Arbeiten im Atelier verweist als auch die spezifische Konstruktion komplexer Bildräume Sheila Barciks akzentuiert.

Kuratiert von Ralf F. Hartmann

Anschauung und darüber hinaus schauen - Raimund Stecker (German)

Geschichten, Erzählungen, Psychogramme, Traumschilderungen, Essays, ja Essaysammlungen, Epigramme, gedankliche Versatzstücke, zusammen gesetzte Fragmente, fragmentierte Ganzheiten, Aphorismen… – die aus vielen einzelnen Zeichnungen bestehenden großen Bilder von Sheila Barcik lassen einen nicht unberührt. Ihre Intensitäten klammern die Augen und penetrieren den Willen, unter der Oberfläche des Bildlichen Sinn, Gedanken, Gefühle, Appelle und Mitgeteiltes zu finden. Sie zeigen Dünnhäutigkeit und gehen unter die Haut. Sie offenbaren Verletzlichkeit und gemahnen nicht zu verletzen. Sie stellen Isoliertheit vor und Verstörtheit, Sehnsüchte und den Orientierungswunsch nach Überwindung einer schlussendlich keineswegs nur als Belastung empfunden dargestellten Alleinheit. Denn dem vorgestellten Alleinsein eignet auch die Freiheit des unbeschwerten Tuns – der Form unbeschwerten Tuns, das Freiheit im unentfremdeten Entäußern bedeutet, das beschnitten würde von einem Gefallenwollen und Gehörtwerdenwollen dann, wenn ein Adressat in der Nähe wäre.

Derartige Zeichnungen sind es, mit denen Sheila Barcik bisher auf sich aufmerksam machte. Signifikanter bezeichnet: riesige Bilder, die aus einzelnen DIN A 4 großen Zeichnungen bestehen. Aus bis zu 200 Teilen setzen sie sich zusammen, aus bis zu 9 mal 20, ja 8 mal 24 querformatigen Blättern: bis zu 2 Meter hoch und über 7 Meter breit. In sich sind sie zumeist formal und inhaltlich noch einmal frei untergliedert in Kapitel, Gedankengänge, Erfahrungsblöcke und Einzelerfahrungen.

Wollte man diesen Bildern aus Zeichnungen in Form eines Textes auch nur halbwegs gerecht werden, müsste ein Buch geschrieben werden, das an Seitenzahl die der einzelnen Zeichnungen weit überschreitet. Denn jedes Blatt zeigt eine offensichtliche Szene, birgt eine unter ihr liegende Stimmung, ist Ausdruck einer wechselnden Verfasstheit und zugleich Teil einer stets durch die Zusammenbindung von Blöcken herausgehobenen Korrespondenz zu den benachbarten Blättern in einem zwar gegliederten, nicht aber eindeutig in seiner Reihenfolge angeordneten bildlichen Gesamtzusammenhang. Das Mitgeteilte zu entbergen hieße mithin nicht nur, die einzelnen Geschichten, Informationen, Szenen, Stimmungen… aus ihrer labyrinthischen Struktur zu transformieren in einen linear fortlaufenden Sinnzusammenhang, sondern auch noch die planimetrische Komplexität zu würdigen, die ein Bild ohne definierten Anfang und ohne unzweideutiges Ende fundamental von einem Text unterscheidet.

Anachronistisch mag diese Notwendigkeit an Intensität der Anschauung und des Darüber-hinaus-Schauens erscheinen. Denn entgegen unserem immer momentreduzierter werdenden alltäglichen Wahrnehmungsverhalten sind Dauer, Zeit, Kontinuität und lange Weilen den Werken Sheila Barciks ein zutiefst konstituierendes Fundament.

Nicht weniger gilt dies für die Bilder ihrer neuen Werkgruppe, auch wenn sich hier dieses Fundament nicht durch die große Anzahl von Einzelzeichnungen in einem übergeordneten Gesamtzusammenhang zeigt, sondern in der Konzentriertheit  auf ein je einziges Gemälde. So groß wie ungefähr 7 mal 7 DIN A 4 Blätter, 140 mal 200 Zentimeter, misst eines der neuen Werke. Mit Eitempera auf Nessel gemalt ist dieses Bild.

Horizontal ist der Bildgrund in gräulichen Boden und schwärzlich gelb-oranges Hinten getrennt. Fünf schlanke schwarze Quader stehen standunsicher auf dem Grund. Kaum stehend, nicht stabil wirken sie. Auf ihren Kopfflächen liegt bäuchlings je ein Mensch – nackt, lethargisch, nicht ruhend, vielmehr energielos. Beine und Arme hängen gen Boden – weit enthoben vom Grund, weit entfernt von der Standsicherheit bietenden grauen Horizontalen. Unerreichbar scheint Geborgenheit.

Der Szene eignet kein außerbildliches Vorbild. Es gibt sie nur in diesem Bilde. Ihr Vor-Bild kann mithin nur erdacht, visioniert, erängstigt oder geträumt sein. Formal verdeutlicht Sheila Barcik dieses nur bildliche Existieren des Motivs dadurch, dass sie die Kanten der schlanken Quader transparent konturiert, so also, dass durch den jeweiligen Kubus an seinen Kanten hindurch das Grau des Bodens wie das Gelb-Orange des Hinten gesehen werden kann. Und auch die indifferente Räumlichkeit unterstreicht diese rein gesichtige Dimension der Darstellung: Der tiefenräumlichen Anordnung der Quader im illusionären Bildraum widersprechen die Größenverhältnisse der bauchliegenden Körper.

Zweifellos verdichtet Sheila Barcik mit ihren nunmehr einzel gestellten Motiven. Was zuvor in einem nahezu unüberschaubaren Gesamt von vielen gezeichneten Bildern als Teil kaum in den Fokus der je intensiven, dem einzelnen Motiv geschuldeten  Betrachtung gelangen konnte, findet nun dauernde Anschauung. Doch das zu Erfahrende bleibt identisch: Der seine Existenzbedingungen hinterfragende, der sein Sein zeichnerisch in den Griff bekommen wollende, der seine Welt zu erfahren bestrebte, der sein Geworfensein zu kontextualisieren suchende, der flüchtende, der rastlos ruhende, der das Scheitern nicht modisch auszuklammern bereite Mensch tritt dem Betrachter entwaffnend ungeschminkt und entkleidet, barhäuptig und versehrbar, häufig aber stolz und bisweilen auch befreit vor Augen. Die Zeit der Anschauung der Werke Sheila Barciks wendet sich mithin für den Betrachter immer auch in eine Zeit des Schauens über die Zeichnungen und Gemälde hinaus.

Raimund Stecker (Februar 2006)

Eine Reise ins Innere - Danièle Perrier (German)

Die großen Wandzyklen von Sheila Barcik bannen den Blick durch den Reichtum der Motive und die Intensität der Farbe: blau und goldgrün bestimmen ihr neuestes Fresko Indigo Boats. Damit ist nicht die Technik gemeint – die bevorzugten Ausdrucksmittel dieses wandfüllenden Kunstwerks  sind Bleistift und Aquarell auf A4 Papierblätter, die den Betrachter zur Nahsicht auffordern – sondern die Erzählung selbst. Sie stellt Menschen auf der Reise dar. Die einen ziehen über die Meere auf ein Ruderschiff, andere steigen hinab in das Erdenreich, balancieren mit riesigen Kugeln auf den Rücken bestaunen busenartige Hügeln oder sie erglimmen Bergwipfeln.

Oft dehnt sich eine Szene über mehrere Blätter, die mit abstrahierenden Landschaften alternieren. Dementsprechend ist der Verlauf nicht linear: Vertikale Elemente gebieten dem wandernden Auge Einhalt, zwingen ihn sich einen Weg zu Bahnen, ohne diesen vorzuschreiben. Er wird gezwungen entweder global wahrzunehmen oder die Motive langsam zu suchen. Das kräftige Rot der frühen Zeichnungen, das die Blätter mit dynamischen, manchmal aggressiven Kreisen skandierte, ist weicheren Schattierungen gewichen, etwa dem dumpfen blau des Wassers und dem Goldgrün des Erdreichs.

Der Mensch, man spürt es, spielt eine zentrale Rolle. Dennoch ist er nur in Umrissen wahrzunehmen, androgyn – man möchte sagen asexuell – mit langen Armen und Beinen, spröde in seinen Bewegungen, ungelenkig; dafür tatkräftig, immer in Bewegung, auf dem Weg, neugierig.

Die Spontaneität der Zeichnung vermittelt den Eindruck von Wahrhaftigkeit, Gelebtem. Gleichzeitig stellt sich das Bild einer Reise ins Innere ein. Die Motive sind nicht immer eindeutig lesbar und die Handlungen erwecken Assoziationen mit Ritualen, wie sie bei Initiationen immer wieder erzählt werden. Man denke z. B. an Die Zauberflöte oder an Die drei Orangen. Die Verbindung von Handlung mit der Kraft der Stille siedelt Barciks Werk stilistisch in der Nähe der Transavanguardia, im besonderen der sensiblen und verinnerlichten Bildern von Francesco Clemente und jener zu Zeichen reduzierten Körper von Mimmo Paladino.

Während ihres Aufenthaltes in Balmoral hat Sheila Barcik den Versuch gewagt, ihre inneren Visionen nicht in kleinteiligen Bildzyklen darzustellen, sondern auf großformatige Leinwände zu malen. Dabei entstand ein Bildpaar, wovon eines Menschen zeigt, die Baumstämme oder Stangen, welche über den Bildrand hinaus wachsen, erglimmen, das andere fünf Menschen, die erschöpft auf Pfeiler liegen, wie Tierfelle. Beim ersten Bild fällt auf, dass die Menschen ohne merkbare Anstrengung emporsteigen. Allerdings handelt jeder für sich, ohne jegliche Beziehung zu den anderen zu suchen, sei es um sich mit ihnen zu messen. Die daraus entstehende Einsamkeit wird formal durch die strenge horizontale Zweiteilung des Bildes in einem betongrauen Boden und einem braungrünen Hintergrund, der kaum noch Assoziationen zur Landschaft erlaubt. Der Verzicht auf jegliches Beiwerk und die Verselbständigung der einzelnen Motive führt zu einer Konzentration, die fernab vom narrativen Charakter der zu großen, anekdotischen Zyklen angeordneten Kleinformate auf Papier. Sie erreicht somit eine Loslösung des Autobiographischen zugunsten des Allgemeingültigen. Ihre neuen Bilder sprechen mit großer Schlichtheit und Sensibilität von der Einsamkeit des Menschen und seines Kampfes ums Überleben.

Text - Ralf Bartholomaus (German)

Sheila Barcik umwandelt in ihrer Arbeit den Komplex unserer Wahrnehmung zwischen innigstem Gefühl und dem Bewusstsein einer problematischen Umwelt. Dies deutet auf Zerrissenheit und Einheit zugleich. Aus der Wahrnehmung des Äußeren ertastet sie das Verständnis innerer Vorgänge – und umgekehrt. So beschreiben ihre Zeichnungen Zusammenhänge, die kaum anders zu benennen sind als in subtilsten Energiefeldern oder -bahnen. Dem entspricht formal die häufig zu beobachtende Fortsetzung der dargestellten Figur über die Grenzen der Zeichenblätter hinaus. Auch die Wiederholung und Variation von Motiven verweist auf die Erkenntnis, dass starre Grenzen schwer zu ziehen sind. Nicht mal der Inhalt der Bezeichneten ist fest umreißen, eher zu umkreisen. Ihr Thema, könnte man sagen, ist das Staunen über die freie, offene Entfaltung des grenzenlosen Seins, mit allen Aspekten einer erfüllten, aber auch tragischen Schöpfung.

Ralf Bartholomäus

Text - Ed Pien (English)

These drawings are poetic meditations on the human condition. The physical scale of each of the intimate, A4 drawings achieve a sense of monumentality in their final presentation in the form of a carefully considered grid configuration. The images flow from one paper to the next and depict lone and vulnerable human figures engaged in seemingly familiar yet unnamable activities. Their acts are at once necessarily urgent and absurd but the figures do not perform futile acts. Their physical engagements are metaphor for psychological and emotional enrichment. The activities further these figures’ sense of self and self-preservation and are integral to attaining empowerment. Barcik is interested in creating a self-absorbed and convincing world that arrests the viewer’s attention and demand a phychical / spiritual participation. In this seemingly forsaken world the figures convey and inspire a sense of hope and optimism.

Ed Pien